David Greenfield schilderte die Bedeutung des 5. Mai 1945 für seine Familie
„Die Befreiung am 5. Mai blieb für unsere ganze Familie immer ein besonderer Tag. Tatsächlich nahm mein Vater den 5. Mai als seinen zweiten Geburtstag an, den Tag, an dem er wiedergeboren wurde.“, sagte David Greenfield bei der Befreiungsfeier in Steyr. Am 5. Mai 1945 wurde sein Vater Joseph Greenfield aus dem KZ-Außenlager Steyr-Münichholz befreit. David Greenfield ist erstmals in seinem Leben in Steyr. Er erzählte, dass am Grabstein seines Vaters der 5. Mai 1945 als zweites Geburtsdatum steht. Im Inneren des Silberrings, den er von seinem Vater geerbt hat, ist die Inschrift ‚STEYR 1945‘ eingraviert. Es ist für ihn, seine Frau und seine Tochter „eine einzigartige Ehre und ein Privileg“ hier das Überleben seines Vaters und die Befreiung von Mauthausen zu feiern, wie er sagte.
Die Historikerin Silke Umdasch setzte sich in ihrer Gedenkrede mit dem Thema „Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus auseinander. Sie zeigte auf, dass es oft nur die passenden Umstände brauche, damit aus Menschen Täterinnen und Täter werden. Heinrich Otto Heess, der von 26. August 1943 bis zur Befreiung am 5. Mai 1945 Lagerführer des KZ-Außenlagers Steyr-Münichholz war, bezeichnete sich selbst als gerechten, gewissenhaften Mann obwohl er nachweislich aktive Gewalt gegen Häftlinge anwandte. Er wurde aufgrund seiner Taten als einer der Haupttäter angeklagt und von einem US-Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Umdasch schilderte auch das Vorgehen der Täterin Rosa Schwarz, die ihre eigenen Kinder denunzierte, weil sie keinen „Judenstern“ getragen hätten. Ihren Ehemann Michael Schwarz, der in Steyr Zwangsarbeit leisten musste, denunzierte sie wegen angeblicher „antinazistischer Aktivitäten“. Ihre Kinder wurden in das Ghetto Theresienstadt deportiert und überlebten, ihr Ehemann Michael Schwarz wurde Ende November 1943 in Auschwitz ermordet. Rosa Schwarz wurde dafür nach dem Tod zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt, aber schon 1949 auf Bewährung entlassen. „Es war eine persönliche Entscheidung, Dinge oder Personen zu melden und die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik damit zu unterstützen – eine Denunziationspflicht gab es im Nationalsozialismus nicht. Es geht um die Entscheidungsmacht und -freiheit jeder/ jedes Einzelnen: So wie man sich für Denunziation entscheiden kann, kann man sich auch für Gemeinschaft, Nächstenliebe, Demokratie und Zusammenhalt entscheiden. Jede/ jeder Einzelne von uns trägt Verantwortung für das eigene Handeln, das muss uns bewusst sein“, sagte Umdasch.
Für Bürgermeister Markus Vogl muss das Gedenken und die Lehren aus der Vergangenheit in die Gegenwart getragen werden und er stellte die Frage „Tun wir genug, um unserem Schwur ‚Nie wieder Faschismus’ gerecht zu werden?“ Nicht nur die Täterinnen und Täter hätten die Vernichtungsmaschinerie der Nazis möglich gemacht, sondern auch die Opportunisten, die Mitläufer und die schweigende Masse. Unerträglich sei „das Wiedererstarken der Rechtsextremen in Österreich, der tägliche Tabubruch, das ständige Verschieben der Grenzen des Sagbaren.“ Es reicht nicht, nur der Opfer zu gedenken. „Wir müssen es in dem Bewusstsein tun, dass wir verpflichtet sind, aufzustehen, wenn unsere Demokratie mit Füßen getreten wird, wenn Hass unser Zusammenleben vergiftet. Tun wir es nicht, ebnen wir neuen Täterinnen und Tätern den Weg“, sagte Bürgermeister Vogl.
Martine Tomas Espejo, Vertreterin der französischen Lagergemeinschaft „Amicale de Mauthausen“ rief dazu auf „gegen nationalistische Hetze zu kämpfen und dafür zu sorgen, dass Frieden und Freiheit die Garantie für das Glück der Völker sind.“
Concha Diaz, die Vizepräsidentin der spanischen Lagergemeinschaft „Amicale de Mauthausen“ sprach davon, dass die Überlebenden nach der Befreiung oft enttäuscht waren über die Gerichtsverfahren gegen die Täter. „Angesichts der unzähligen Toten, die nie die Gelegenheit hatten, auszusagen, erschienen die Ziele, Methoden und Urteile der Prozesse schrecklich unangemessen. Das war nicht die Gerechtigkeit, die sich die Häftlinge vorgestellt hatten, als sie in den Konzentrationslagern um ihr Leben kämpften.” Angesichts des Erstarkens der rechtsextremen Parteien sei “kein Platz für mitschuldiges Schweigen.”
Karl Ramsmaier, der Vorsitzende des Mauthausen Komitees Steyr, wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass die menschenverachtende Ideologie des Faschismus und des National-sozialismus mit der Befreiung 1945 nicht zu Ende war, sondern in vielen Köpfen weiterlebte und neuerdings wieder verstärkt Anhänger findet. Extrem rechte oder sogar faschistische Positionen werden inzwischen von vielen akzeptiert und als normal angesehen. Es gebe zwar weiterhin eine antifaschistische Mehrheit, aber die fortschrittlichen Kräfte seien kleiner geworden und zunehmend ratlos während es der extremen Rechten gelingt ganz unterschiedliche Menschen zu mobilisieren und hinter sich zu vereinen. Das Vertrauen in die staatliche Problemlösungsfähigkeit sinke und der Faschismus präsentiere sich als Lösung für eine tiefe Krise der Gesellschaft. „Der Faschismus der Gegenwart will die liberale Demokratie überwinden, ja zerstören“, sagte Ramsmaier und bezog sich dabei auf die Literatursoziologin Carolin Amlinger und den Basler Universitätsprofessor Oliver Nachtwey. Dem müsse durch eine verstärkte zeitgeschichtliche und demokratiepolitische Bildung in den Schulen, durch eine glaubwürdigere Politik, durch ein verstärktes Augenmerk auf die Schwächeren der Gesellschaft und durch ein entschiedenes Eintreten für die Menschenrechte entgegen-gewirkt werden.
Kurzbiografien von zwei Häftlingen, die beide überlebt haben, Joseph Greenfield und Jose Borras, und der französischen Zwangsarbeiterin Lea Fleury zeigten bei der Feier, dass es um die Menschen und Schicksal geht.
Besonders berührend waren die Beiträge der Schülerinnen und Schüler des BG Steyr, des „Lycee Leopold Seda Senghor“ und der Ecole hortioole d’Evreux aus Frankreich. Sie trugen selbst verfasste Texte zu den Themen „Frieden und „Freiheit“ vor. Die Musikkapelle Wachtberg unter der Leitung von Kapellmeister Florian Bürstmayr gestaltete die Feier musikalisch. Im Anschluss an die Feier wurden zum Gedenken beim KZ-Denkmal von vielen Organisationen Kränze und Blumen niedergelegt. In einer Gedenkminute wurde an die Opfer des KZ-Außenlagers Steyr-Münichholz und aller anderen Opfer des Faschismus gedacht. Fast 27 Organisationen waren Mitveranstalter der Befreiungsfeier 2026 in Steyr. „Die französische Delegation war tief beeindruckt über die Internationalität und den Inhalt der Befreiungsfeier“, berichtet Mauthausen- Komitee- Vorsitzender Karl Ramsmaier
1 Carolin Amlinger/ Oliver Nachtwey, Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025, 312
















